Spurensuche, von São Paulo nach Wehnen

Seltener Besuch in der Gedenkstätte „Alte Pathologie“ in Wehnen. Alberto G. hatte sich zusammen mit seiner Frau auf die Suche nach seinem verschollenen Großvater gemacht.
Albert G. wanderte als junger Mann nach Brasilien aus, heiratete und gründete eine Familie. Nicht mehr nachvollziehbar sind die Gründe seiner Rückkehr nach Deutschland. Zunächst verlor sich seine Spur. Aber seinem Enkel ließ das Verschwinden seines Großvaters keine Ruhe. Er fand heraus, dass er nach seiner Rückkehr in Hamburg ankam, dann nach Wilhelmshaven in die Nähe seiner Geburtsstadt Varel ging. Schwer erkrankt landete er schließlich 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. Dort erging es ihm wie den meisten Patienten. Es gab keine Therapie, sondern schwere körperliche Arbeit bei völlig unzureichender Ernährung. Krank und entkräftet starb er nach nur 8 Monaten. p1020016a
Dank der Forschung eines Medizinhistorikers und eines Psychiaters vom Gedenkkreis erfuhren Herr G. und seine Frau von dem Schicksal des Albert G.
Herr Alberto G. sah sich, begleitet vom wissenschaftlichen Beirat, die Ausstellung in der „Alten Pathologie“ an, verweilte vor dem Denkmal auf dem Gelände der Karl-Jaspers-Klinik und besuchte die „Euthanasie“-Erinnerungsstätte auf dem Ofener Friedhof. Hier nahm er Abschied von seinem Großvater.
Unser ganz besonderer Dank gilt Prof. Dieckert, der mit seinen portugiesischen Sprachkenntnissen die Gespräche mit unseren Gästen aus Brasilien erst möglich machte.

Sehen Sie hier einige Fotos vom Treffen mit Regina und Alberto G.

Dieses Ereignis griff auch die NWZ Ammerland auf und veröffentlichte dazu diesen Artikel.

„Buchhaltung und Krankenmord Die Oldenburgische Anstaltsfürsorge 1932-1948“

Dr. Ingo Harms stellte sein Buch mit den neuen Forschungsergebnissen am 26. August den Oldenburger Medien vor.

Zu den hervorstechendsten Merkmalen der Nazi-Gewaltherrschaft gehörten Ausgrenzung und Vernichtung. Das ist vielfach beschrieben worden. Weniger gut erforscht ist, dass es den Machthabern entgegen ihren ideologischen Bekundungen dabei vorwiegend um Bereicherung ging.
Erstmals untersucht ein Autor detailliert, wie ein Krankenmord-Programm dazu diente, Profite zu erwirtschaften. Den Hungermorden in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen und anderen oldenburgischen Anstalten lag ein Bereicherungsplan zugrunde, der bereits 1933 per Landesgesetz beschlossen wurde.

Während die Patienten in den Anstalten verhungerten, wurde aus dem eingesparten Pflegegeld ein umfangreiches Grund- und Anlagevermögen gebildet. Der Landesfürsorgeverband, eine ministerielle Abrechnungsstelle, wurde zu einem betriebswirtschaftlichen Unternehmen umgebaut. Der Auftrag lautete, Gewinne zu erwirtschaften und diese zur Finanzierung der völkischen Kultur, der Energieversorgung und anderer Staatsausgaben einzusetzen. Die Liste der begünstigten Einrichtungen ist lang, und ganz oben steht das Museumsdorf Cloppenburg. Weiterlesen

Was geschah mit unseren Angehörigen?

Diese Frage stellen sich inzwischen Verwandte, Enkel und auch Urenkel. Es gab sie, diese unbekannten Vorfahren, über deren Leben ein trauriges, aber absolutes Schweigen in den Familien herrschte. Die Nachkommen sollten auf keinen Fall erfahren, dass es in der Familie einen sog. Geisteskranken oder gar einen „Verrückten“ gab. Aber Kinder haben feine Ohren. Immer dann, wenn die Älteren sich flüsternd über eine Sache unterhielten, die die Kinder nicht wissen sollten, spitzten sich diese kleinen Ohren. Jedoch begreifen Kinder auch, wenn Fragen nicht erwünscht sind.

Die NS-Zeit wirkt nach.

Diese Kinder sind jetzt erwachsen und irgendwann kommen diese alten Geschichten wieder ins Bewusstsein.

Was geschah z.B. mit meinem Opa? Warum war er nach dem ersten Weltkrieg so anders, so merkwürdig? Er ging zunächst freiwillig in ein psychiatrisches Krankenhaus, er wurde in eine andere Klinik irgendwo in Deutschland verlegt. Das letzte, was man hörte, er landete in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen und dann verlor sich seine Spur. Eine zugegeben fiktive Geschichte, aber so ähnlich kann es gewesen sein.

Sie wollen mehr über den Verbleib Ihres Angehörigen wissen? Ein Medizinhistoriker und ein Psychiater aus unserem Kreis haben Zugang zu den Krankenakten der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt und erforschen auf Anfrage die Geschichte Ihres Angehörigen. Anschließend erhalten Sie einen umfassenden Bericht über das Leben und auch das Sterben Ihres Verwandten.
Melden Sie sich ggf. unter info@gedenkkreis.de

Tief beeindruckt

Schon seit vielen Jahren bieten wir Führungen für Gruppen aller Art, besonders aber für junge Menschen, an.

Schüler_innen der 9. Klasse des Gymnasiums Bad Zwischenahn/Edewecht nahmen dieses Angebot an und waren erschüttert über die Geschehnisse in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. In der Nachbereitung veröffentlichten sie diese Arbeit. Passend dazu auch der Bericht einer Schülergruppe aus dem Jahr 2014
Naziverbrechen in der unmittelbaren Umgebung? Das ist hier in unserer Heimat vielen Menschen nicht bekannt. Es macht betroffen, wenn die Verbrecher und Mörder nicht die irgendwie weit entfernten „Nazis“ waren, sondern Menschen, die wir vielleicht kannten, oder gar mit uns verwandt waren. Wie konnten Ärzte und Pflegende dem langsamen Sterben der ihnen anvertrauten Patienten mitleidlos zu sehen?
Dazu das Zitat von Dorothea Buck:

„Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.“

„erfasst, verfolgt, vernichtet“

Die Ausstellung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) im Februar und März war in der Karl-Jaspers-Klinik am richtigen Platz, einem Tatort während der NS-Zeit. Das wurde manchen Besuchern erst bewusst, als sie vor Ort waren.
„erfasst, verfolgt, vernichtet“ so das Thema der Ausstellung, und so wurde auch mit Patienten in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt in Wehnen verfahren.
Was war mit den verantwortlichen Ärzten und Pflegenden los? Wie konnten sie den Anordnungen von „Schreibtischtätern“ Folge leisten und dem Sterben der Verhungernden mitleidlos zusehen?
Wir wiesen am 18. Februar auf die Ausstellung hin. Hier können Sie die Rede zur Eröffnung von Dr. Ingo Harms, wissenschaftlicher Beirat des Gedenkkreises, lesen.