Erinnerungen

Gedenkstätte und Gedenkkreis Wehnen – Erinnerungsarbeit und dargestellte Geschichte

alte pathologie Als im Jahr 1996 eine kleine Monographie erschien, die sich mit den Geschehnissen in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen während der NS-Herrschaft auseinandersetzte, konnte noch niemand ahnen, welche weit reichenden Folgen dies haben sollte. Schließlich war das Thema keine Neuentdeckung. Bereits in den 1980er Jahren wurde die „Euthanasie“ in niedersächsischen Anstalten von den Medizinstudenten Sueße und Meyer untersucht. Sie stellten dabei fest, dass Patienten in Wehnen durch Aushungerung getötet worden waren. Doch beantworteten sie weder die Frage nach der Zahl der Opfer, noch gingen sie Einzelschicksalen nach. An diese Hausaufgaben machte sich der Oldenburger Historiker Ingo Harms, nahm sich die Krankenakten vor und recherchierte auch in den Akten des ehemaligen Oldenburger Innenministeriums, von dem die Hungeranweisungen seinerzeit ausgegangen waren.
Was der Historiker aufdeckte, löste einen Schock aus. Zwar war es zeitgeschichtlich durchaus geläufig, dass Oldenburg mit seinen damals knapp 60.000 Einwohnern sich als erstes Land der Weimarer Republik – bereits im Juni 1932 – eine mit absoluter Mehrheit regierende NSDAP-Regierung gab. So entstanden denn die ersten Konzentrationslager im Oldenburger Emsland, heute weltbekannt durch das Lied von den Moorsoldaten. Seit den 1970er Jahren entwickelte sich hier eine viel beachtete Erinnerungskultur, die u.a. dazu führte, dass sich die Universität Oldenburg den Namen eines der prominentesten Opfer der Emslandlager, Carl von Ossietzkys, gab. Auch wird seit den 1980er Jahren mit dem „Judengang“, einem Schweigemarsch entlang des 1938 von den zusammengetriebenen jüdischen Mitbürgern beschrittenen Weges in die Haft, alljährlich der Reichspogromnacht gedacht. Veröffentlichungen wie z.B. Günther Heuzeroths monumentale Sammlung über das Schicksal der Zwangsarbeiter in Nordwestdeutschland haben zahllose Naziverbrechen aufgedeckt. Doch dass in der 1858 gegründeten Heil- und Pflegeanstalt vor den Toren der Stadt Oldenburg mehr als 1500 Patienten getötet worden waren – ein solches Forschungsergebnis hatte die Öffentlichkeit anscheinend nicht erwartet. Noch erstaunter nahm sie zur Kenntnis, dass die „Euthansie“ in Wehnen bereits im Jahr 1936 begann – drei Jahre vor der von Hitler befohlenen „Aktion T4“.

wehnen 1909 Eine andere regionale Eigentümlichkeit bestand in der Tatsache, dass den Vernichtungsanstalten der „Aktion T4“ keine Patienten aus Wehnen zugegangen waren. Dieser Befund hatte lange als ungeschriebene Tatsache gegolten und gleichsam als Beleg dafür gedient, dass eine „Euthanasie“ in Wehnen nicht stattgefunden haben könne. Denn jahrzehntelang galt die historische Überzeugung, dass der Krankenmord sich auf die Gasmordanstalten Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hartheim, Sonnenstein und Hadamar4 beschränkt habe. Nachdem im Jahr 1941 die Gaskammern und Krematorien dieser Vernichtungszentren geschlossen wurden, so die historische Verkürzung, sei auch die „Euthanasie“ beendet gewesen. Die unmittelbar darauf einsetzende dezentrale Variante des „Euthanasieprogramms“, ein von den meisten Anstalten und Ärzten willig ausgeübtes Massentöten, nahm einen stilleren, aber gleichwohl gründlicheren Verlauf. Hatte die zentrale Mordphase „Aktion T4“ 70.000 Patienten das Leben gekostet, so sollte die dezentrale „Euthanasie“ weitere 130.000 Opfer fordern. Diesem Geschehen hatte sich anscheinend keine psychiatrische Klinik entzogen – warum also ausgerechnet Wehnen! Erst vor diesem Hintergrund ergab sich für den Zeithistoriker ein Zusammenhang mit dem Nachkriegsgerede über grausame Geschehnisse hinter den Anstaltsmauern. Den Ausschlag, das Werk zu beginnen, gab dann allerdings eine betroffene Angehörige, die den Wissenschaftler überzeugen konnte, dass dem plötzlichen Tod ihrer Mutter im Jahr 1942 kein natürlicher Vorgang zugrunde lag, und nachdem eine Anzeige wegen Mordes gegen einen noch lebenden Arzt zu lediglich halbherzigen Ermittlungen geführt habe, so die Zeitzeugin, müsse nun der Historiker die Recherchen weiterführen.

Ein offenes Geheimnis

Kaum, dass dieser die Arbeit aufgenommen hatte, türmten sich schon die Schwierigkeiten: Zuerst starb der wissenschaftliche Betreuer der als Doktorschrift angemeldeten Untersuchung, dann wurden alle Anträge auf Finanzierung oder Unterstützung der Arbeit abgelehnt, schließlich verweigerte das Niedersächsische Landeskrankenhaus Wehnen den Zugang zu den Krankenakten, so dass mit ministerieller Weisung erzwungen werden musste – alles in allem ein wenig ermutigender Beginn. Doch das Interesse war geweckt, und der Anfangsverdacht wurde bereits durch einen Blick ins örtliche Kirchenbuch bestätigt. Jedem, der es sehen wollte, präsentierte sich dort eine ins Auge springende Vermehrung der Todesfälle während der Kriegsjahre – eine Versechsfachung! Eine Frage beschäftigt den Forscher seit diesem Tag: Warum hatte dieser Befund vorher niemanden alarmiert?

Recht bald nach der Veröffentlichung meldeten sich Angehörige von getöteten Patienten bei dem Autor mit der Bitte um Aufklärung der Patientenschicksale. Bis auf wenige Ausnahmen konnte den Einzelfällen auf den Grund gegangen werden. Jede dieser Krankengeschichten endete mit einer Todeseintragung, deren Formulierungen sich bald als Stereotypen erwiesen. Am häufigsten wurde „starker körperlicher Verfall“ genannt, gefolgt von Herzschlag und anderen Herzsymptomen, an dritter Stelle folgt „Lungenentzündung“, dann verschiedene Formen der Tuberkulose. Was sofort ins Auge fällt, ist die Plötzlichkeit des angeblichen körperlichen Verfalls. Schließlich waren die Patienten nicht wegen körperlicher, sondern psychischer Krankheiten aufgenommen worden. In dramatischer Wendung des Krankheitsverlaufs konstatierten die Ärzte einen plötzlichen Verfall, wo vorher nur die geistigen oder seelischen Krankheit beobachtet worden waren. Ein Vergleich mit dem „Meldebogen 1“, jenem Aussonderungsformular, mit dem die „Aktion T4“ jeden einzelnen Patienten auf seinen „Lebenswert“ überprüfte, ließ dann oft erkennen, dass der körperliche Verfall mit dem Ausfüllen des Fragebogens zusammen fiel. Auffällig ist auch, dass die meisten Eintragungen dieser Art nach dem Tod des Patienten erfolgten. Klinische Beobachtungen, die Monaten, gar Jahren überbrücken, sind in diesen Fällen häufig in einem Zug heruntergetippt worden. Damit fügt sich das typische Bild zusammen, das im technischen Jargon der Ärzte als „Niederführung“ bekannt war. In Wehnen erfolgte, wie vielerorts, der Tod durch Nahrungsentzug.

Entwicklung der Sterblichkeit in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen 1936-1947

Vermutlich wurde auch per Medikation getötet, allerdings ist das aufgrund der Quellenlage nicht mehr eindeutig nachzuweisen. Es ergibt sich aber aus der Beobachtung, dass der „pünktliche“ Tod nötig wurde, wenn bei vollen Betten Neuaufnahmen vor der Tür standen. Ländliche Heime und Psychiatrien wurden zugunsten der Kriegsmedizin geräumt. Man brauchte Betten und medizinische Infrastruktur für verwundete Soldaten und Rekonvaleszenten. In jeder Region fiel einer zentralen Anstalt die Rolle zu, die immer zahlreicher herbeigeschafften Patienten aufzunehmen. Insofern hieß „dezentrale Euthanasie“ für die meisten Anstalten wie Wehnen, sich ein Ventil für die Überbelegung zu schaffen. Musste eine neue Gruppe aufgenommen werden, dann musste eine entsprechende Anzahl „niedergeführter“ Patienten rasch sterben, damit ihre Betten frei wurden. Ein solcher punktgenauer Tod ist in Einzelfällen nachzuweisen, wenn Verwandte unerwartete Besuche abstatteten. Dann starb der Patient zeitnah, entweder am Besuchstag selbst oder kurz darauf, während man den Verwandten beschied, er sei „bereits vier Wochen tot“ oder „soeben gestorben.“ Dies ist ohne Medikamentengabe kaum denkbar. Es ist auch nicht anzunehmen, dass der Tod durch körperliche Gewalt eintrat, denn eine Eigenschaft der dezentralen „Euthanasie“ bestand ja gerade darin, dass die Ärzte sich die Hände nicht unmittelbar schmutzig machen wollten. Mit dem mehr oder minder klinischen Verlauf von Siechtum und Tod scheinen sie sich irgendwie besser arrangiert haben zu können. Und in der Tat hatte es ja auch lange gedauert, bis man dieser Art der „Euthanasie“ auf die Spur kam. Noch heute ist es deshalb schwierig, anhand der Krankengeschichte in jedem Einzelfall eindeutig zwischen natürlichem und herbeigeführtem Tod zu unterscheiden.

In jedem Fall ging dem Tod der dezentralen „Euthanasie“ ein langes Siechtum voraus, das selbst einem der zu Inspektionszwecken die Heil- und Pflegeanstalten bereisenden hauptverantwortlichen Arzt der Aktion „T4“, Dr. Kurt Runkel, zu inhuman schien, so dass er sich über die „wirklich unschöne(n) Formen… der verminderten Ernährung unheilbar Geisteskranker“ entrüstet und dafür plädiert, „den Patienten die Leiden zu verkürzen durch Darreichung von Medikamenten.“ Es ist nicht auszuschließen, dass dieser Formulierung die Zustände in der Heilanstalt Wehnen, die er mindestens zweimal inspiziert hatte, zugrunde lagen. Sicher ist, dass die Sozialbehörde vom Siechtum profitierte, denn solange der unterversorgte Patient lebte, kassierte sie Pflegegelder, ohne sie – ganz oder teilweise – auszugeben.

Verdacht und Gewissheit

Die Angehörigen von Wehnen mussten jeder für sich die schockierende und aufwühlende Lektüre der Krankenakten über das quälende Siechtum ihrer Verwandten durchleiden. Niemand, der nicht damit in neue Trauer gestürzt wurde bzw. sich seine Trauer erstmals überhaupt gestatten konnte. Bis dahin hatte der plötzliche Tod des Vaters oder der Mutter nur den Verdacht auf Mord geweckt, der allerdings mehr als fünfzig Jahre Zeit gehabt hatte, zu gären und seinen Schatten über die Familiengeschichte zu werfen. Angesichts der zur Tatsache geronnenen Vermutung brachen sich Schmerz und Schuldgefühle, Zorn und Verlustgefühle Bahn und erschütterten, oft krisenhaft, die Familien.

In der privaten Aufarbeitung erschöpfte sich jedoch die Arbeit der Angehörigen nicht. Von Beginn an versuchten sie, neben der Aufmerksamkeit für eine Rehabilitation der Opfer auch eine Mahn- und Gedenkkultur um die Geschehnisse in Wehnen zu schaffen. Als sie sich im Jahr 1997 erstmals trafen, geschah dies in einer Gaststube nahe des Landeskrankenhauses. Nach dem spontanen Entschluss, das Gelände gemeinsam aufzusuchen, bewegten sie sich beklommen durch die sonntäglich verwaisten Gänge der Gebäude. In ihrer bedrückten Stimmung fühlten sie sich an diesem Ort unerwünscht. Obwohl das Gefühl keine reale Grundlage hatte, festigte es ihre Entschlossenheit. Auf mehreren Ebenen traten sie an Politiker und Kulturschaffende heran und konnten sehr bald feststellen, dass ihre Botschaft von den Geschehnissen in Wehnen und ihre Forderungen nach einem würdigen Angedenken der Opfer auf breite Zustimmung stieß – wenn auch Widerstände unübersehbar waren.

Grabstellen beseitigt

Am ersten Gedenktag, dem 01. September 2000, wurde unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit ein Kranz auf dem örtlichen Friedhof niedergelegt. Hier war rund die Hälfte der Ermordeten verscharrt worden – genaue Lagebestimmung sind leider nicht mehr möglich. Schmerzlich vermissen die Angehörigen mit den Gräbern einen Ort der Trauer, umso mehr, als ihre Verstorbenen erst nach einem halben Menschenleben beweint werden können. Mit Bedauern verweist die Kirchengemeinde auf den Verlust sämtlicher Grabstellenverzeichnisse. Zu allem Unglück hatte sie den Teil des Friedhofs, auf dem die Opfer bestattet waren, im Jahr 1995 einebnen lassen und damit auch die letzten Zeugnisse und Spuren einzelner Grabstellen beseitigt. Nach eingehenden Gesprächen mit der Kirchenleitung erhielt der Gedenkkreis jedoch eine Zusage für einen Platz auf dem Friedhof zur Errichtung einer Trauer- und Gedenkanlage. Auf diesem Stück Friedhof soll für jeden Ermordeten ein weißer Kiesel liegen. Angehörige von Opfern oder „Paten“, die sich eines Einzelschicksals annehmen, können in dem Stein die Personalien des Opfers eingravieren lassen und ihm so Identität und Würde zurückgeben.

Gedenktag 01. September

Wann in Wehnen mit der „Euthanasie“ begonnen wurde, ist nicht ganz eindeutig festzustellen. Der Anstieg der Mortalität ist nicht unbedingt das einzige Merkmal, denn in der Literatur wird durchaus kontrovers diskutiert, welche damalige Mortalität unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und beginnenden NS-Herrschaft noch als „natürlich“ oder plausibel, und welche eindeutig als Übersterblichkeit aufgrund gezielter Maßnahmen einzustufen ist. Mit der Verdoppelung dessen, was in Wehnen als natürliche Mortalität bezeichnet werden muss – ca. 5 % vom Patientenbestand am Jahresanfang einschließlich der Aufnahmen im Laufe eines Jahres – dürfte dieser Fall mit größter Wahrscheinlichkeit eingetreten sein. Das geschah im Jahr 1936. Für die Angehörigen war dies jedoch kein markantes Datum. Vielleicht spielte auch die Tatsache, dass sich noch keine Angehörigen eines vor dem Beginn des Krieges in Wehnen umgekommenen Patienten einfanden, eine Rolle. Jedenfalls einigte man sich als Gedenktag auf jenes Datum, an dem Hitler den „Euthanasie-Befehl“ aussprach. Unter dem 1. September 1939 hatte er „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Karl Brandt“ den Auftrag erteilt, Ärzte auszusuchen, die „unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes den Gnadentod gewähren“ sollten.

An ihrem zweiten Gedenktag, dem 1. September 2001, konnte die Angehörigengruppe auf dem Gelände des NLKH Wehnen ein Denk- und Mahnmal einweihen. Finanziert von der Landesregierung, wurde es entworfen und realisiert von der Wilhelmshavener Künstlerin Traudl Knoess. Unter Anteilnahme der Öffentlichkeit und allerlei Honoratioren einschließlich der Staatsekretärin im niedersächsischen Sozialministerium wurde es allgemein als würdig und gelungen bezeichnet. Damit hatten die Angehörigen ein wichtiges Ziel erreicht: die gesellschaftliche Anerkennung der Toten von Wehnen als Opfer des Nationalsozialismus.

Alte Pathologie

Nachdem auch vertiefte historische Untersuchungen keinen Aufschluss darüber geben konnten, in welchen Gebäuden die Opfer getötet worden waren bzw. ob überhaupt ein konkretes Gebäude oder ein besonderer Raum solchem Zweck gedient hatte, wünschten sich die Angehörigen als Ort des Gedenkens die leer stehende Prosektur. Hier waren alle Getöteten wenigstens für kurze Zeit aufbewahrt und viele von ihnen obduziert worden. Wer zu der einen oder anderen Gruppe gehörte, darüber konnte bislang keine historische Klarheit gewonnen werden. Aber die Angehörigen fanden mit dieser alten Pathologie, die noch bis in die Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts benutzt worden war, ihren historischen Ort. Dass man ihnen dieses Gebäude allerdings einmal zur Verfügung stellen würde, hatten sie kaum zu hoffen gewagt. Mit der Fürsprache des Bundestagsabgeordneten Thomas Kossendey ließ sich die Landesregierung jedoch bald überzeugen und überließ ihnen im Jahr 2002 das Gebäude als Mietsache. Zum Betrieb der Gedenkstätte gründeten die Angehörigen zusammen mit ihren Unterstützern im Februar 2003 den „Gedenkkreis Wehnen e.V.“

Für einen Gedenkstättenbetrieb musste das im Jahr 1890 errichtete kleine, im Grundriss eine Kreuzform andeutende Gebäude in einen nutzbaren Zustand versetzt werden, war es doch weder hinreichend wetterfest, noch mit den nötigen Ver- und Entsorgungseinrichtungen versehen. Damit stand die Angehörigengruppe vor einem immensen Kostenproblem. In dieser Situation kam ihnen eine Welle von Hilfsbereitschaft und Sympathie entgegen, nicht zuletzt getragen von der Kreisverwaltung des Landkreises Ammerland, zu dem die Gemeinde Bad Zwischenahn und damit das Landeskrankenhaus Wehnen gehört. Fachleute und Dezernenten engagierten sich persönlich für das Vorhaben und schlugen Sponsoren vor, deren Spendenfreudigkeit seitens der Behörde mit gutem Beispiel nachgeholfen wurde.

Unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit wurde die Gedenkstätte „Alte Pathologie“ auf dem Gelände des Landeskrankenhauses Wehnen am 17. April 2004 feierlich ihrer Bestimmung übergeben. Am 1. Juli nahm sie mit drei Öffnungstagen pro Woche ihren regulären Betrieb auf. Das Echo ist groß. Im Durchschnitt besuchen 6,5 Personen die Gedenkstätte pro Öffnungstag (drei Stunden). Hinzu kommen Gruppenführungen, insbesondere Ärzte und Pflegeschüler des Landeskrankenhauses, Konfirmandengruppen und Berufsschulen. Die Ausstellung wächst mit Exponaten, die in Archiven, aber auch auf dem Speicher des Landeskrankenhauses gefunden werden. Zeitzeugen geben Hinweise, Patientenwerkstätten fertigen Vitrinen, Schaukästen und Hinweistafeln. Damit erfüllt sich auch die Hoffnung, eine „Gedenkstätte im Dialog“ zuschaffen, in der nicht nur Informationen gegeben, sondern auch entgegengenommen werden und Kommunikation stattfindet.

Forschen und Gedenken

Einer privaten Initiative von Betroffenen ist es gelungen, zeithistorische Forschungen anzuregen und eine Gedenkkultur für die Opfer des NS-Terrors schaffen. Auf diese Besonderheit aufmerksam geworden, haben Wissenschaftler der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg ein Forschungsprojekt begonnen, das die historischen Erkenntnisse vertiefen, die Gedenkstättenarbeit unterstützen, Zeitzeugenangaben sammeln und sich der Angehörigen annehmen soll. Das Projekt begann im Sommersemester 2005 und hat bereits das Lob bekannter Fachleuten eingehandelt. Unter anderem hält der Psychiater und Soziologe Professor Dr. Dr. Klaus Dörner, der sich in den Forschungsbeirat dieses Projekts berufen ließ, das auf rein privater Basis zustande gekommene Projekt für beispiellos. Unter Zusammenarbeit von Pädagogen, Sonderpädagogen, Psychologen, Kulturwissenschaftlern und Historikern ist geplant, die nationalsozialistische Sozial- und Gesundheitspolitik im Land Oldenburg exemplarisch für die damaligen Geschehnisse im Deutschen Reich zu untersuchen und darzustellen.

Nachkriegsschicksal

Auch eine so erfolgreiche Initiative begann irgendwann mit einem einzigen Schritt. Diesen Schritt tat eine der Gründerinnen des Gedenkkreises, als sie sich mit dem Autor der Untersuchung in Verbindung setzte, um sich Klarheit über das Schicksal ihrer in Wehnen umgekommenen Mutter zu verschaffen. Dabei musste sie nicht nur den Schock ertragen, dass die Mutter Opfer eines qualvollen Hungertodes geworden war. Der Historiker konnte ihr auch den Namen eines der Täter, des damaligen Assistenzarztes und SS-Oberscharführers Dr. med. Paul Moorahrend, nennen. Dieser Name stürzte sie in eine böse Erinnerung.

MoorahrendAls jung Verheiratete hatte sie in den 1960er Jahren einen Psychiater konsultiert. Sie erklärte ihm, dass die Mutter während des Nationalsozialismus in der Psychiatrie unter einer unbekannten Diagnose gestorben war und dass sie wissen möchte, ob diese Diagnose eine erbliche Belastung für ihr Neugeborenes bedeuten könne. Daraufhin ließ sich der Arzt die betreffende Krankenakte aus dem Landeskrankenhaus Wehnen zusenden. Der nachfolgende Besuch wurde für sie zu einem traumatischen Erlebnis – pauschal bestätigte der Arzt ihre Befürchtungen, ohne sich jedoch klar auszudrücken oder ihr einen Einblick in die Krankenakte zu gönnen. Als sie 30 Jahre später selbst die Akte in den Händen hielt, musste sie erkennen, dass der Arzt, den sie als junge Frau um Informationen über Krankheit und Tod ihrer Mutter konsultiert hatte, selbst einer der für den Tod ihrer Mutter verantwortlichen Ärzte war. Mit dem Einblick in die Krankenakte hatte er die Dokumente seines einstigen Verbrechens studiert – und benutzte sie 20 Jahre später, um der Tochter des Opfers zusätzliche Qualen aufzubürden.

Stigmatisierung

Ein solches Schicksal ist typisch für die unaufgearbeitete Geschichte des Nationalsozialismus im Allgemeinen und der „Euthanasie“ im besonderen. Die Täter lebten unter den Opfern, meist unerkannt, aber fast immer unbehelligt und in Ruhe ihre Nachkriegskarrieren betreibend, ihr Leben unbescholten zuende. Den „Euthanasie“-Tätern half dabei die Tatsache, dass der nationalsozialistische Krankenmord historisch sehr spät wieder entdeckt wurde. Wenn man bedenkt, dass sich kaum eine der damaligen Psychiatrien vom Krankenmord freigehalten hatte, handelt es sich um eine schier unübersehbare Zahl von ärztlichen Tätern – Täter, die nicht den Hauch eines Unrechtsbewusstseins erkennen ließen. Denn nicht nur waren sie ja von der rassenhygienischen Ideologie überzeugt, sondern spielten ihnen auch die gesellschaftlichen Vorurteile gegen Psychiatrie sowohl im Krieg als auch in der Nachkriegszeit in die Hände. So wenig, wie das Martyrium und der Tod der Psychiatriepatienten während der „Euthanasie“ einen Aufschrei ausgelöst hatte, genauso wenig kümmerte sich die Nachkriegsgesellschaft um den Anstaltsterror. Die Stigmatisierung der Psychiatrie und ihrer Patienten beschränkt sich eben nicht auf den Nationalsozialismus. Auch die heutige Gesellschaft muss lernen, ihre diskriminierende Haltung zu Psychiatrie und Behinderung aufzugeben.

Die Gedenkstätte Wehnen und das mit ihr verbundene Forschungsprojekt hat sich neben der Untersuchung und Darstellung der NS-„Euthanasie“ auch dieses Problems angenommen.

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